Häufige Fragen: Hegels System

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Warum Logik, dann Natur, dann Geist?

Weil jeder Teil voraussetzt, was der vorige entwickelt hat.

Die Logik entwickelt die Bestimmungen, mit denen überhaupt etwas gedacht werden kann — Sein, Wesen, Begriff. Sie handelt von nichts Bestimmtem und deshalb von allem. Die Natur ist dann dasselbe Begriffliche, aber im Auseinander von Raum und Zeit: was in der Logik nebeneinander gedacht wurde, liegt hier auseinander. Der Geist schließlich ist das, was zu sich zurückkommt — was sich selbst weiß.

Die Reihenfolge ist also keine zeitliche. Hegel behauptet nicht, daß erst Gedanken existierten, dann Steine, dann Menschen. Er behauptet, daß man das Spätere nicht verstehen kann, ohne das Frühere begriffen zu haben.

Drei Wege, dieselbe Sache. Die systematische Ordnung ist eine von dreien, und keine ist wahrer als die anderen. Hegel sagt am Ende der Logik, die Wissenschaft stelle sich dar als „ein in sich geschlungener Kreis" — und weiter: „dieser Kreis ist ein Kreis von Kreisen".

Ausgangspunkt Ordnung Frage
Performativ unser Denken Geist → Natur → Logik Wie erkennen wir?
Chronologisch die Naturgeschichte Natur → Geist → Logik Wie entstand es?
Systematisch die erkannte Logik Logik → Natur → Geist Wie ordnen wir es?

Performativ können wir nicht hinter unser Denken zurück. Wir beginnen immer schon als denkende, lebende, gesellschaftliche Wesen; von dort aus erforschen wir die Natur, bilden Institutionen, reflektieren auf beides. Die Logik ist am Ende das, was wir die ganze Zeit getan haben — nur ausdrücklich.

Chronologisch war zuerst die Natur da. Vom Urknall über die Entstehung des Lebens bis zum Bewußtsein, und erst vor zweieinhalbtausend Jahren die Philosophie. Wir erkennen uns als Teil einer Geschichte, die vor uns begann.

Systematisch steht die Logik am Anfang, weil ihre Bestimmungen Bedingung dafür sind, überhaupt etwas zu erkennen — auch die Naturgeschichte, die zeitlich früher liegt.

Warum das kein Widerspruch ist. Die drei Fragen sind verschieden, also sind es die Antworten auch. Wer nur chronologisch denkt, fragt: wie kann die Logik am Anfang stehen, wenn sie zuletzt entstand? Wer nur systematisch denkt, fragt: wie kann der Geist Voraussetzung sein, wenn er am Ende steht? Beide Fragen lösen sich auf, sobald man sieht, daß nach Verschiedenem gefragt wird.

Ein Beispiel. Nehmen wir die Demokratie. Performativ leben wir in einer und streiten über sie — das ist unser Ausgangspunkt. Chronologisch ist sie entstanden, im antiken Griechenland und in den modernen Revolutionen, und hat sich verändert: vom eingeschränkten zum allgemeinen Wahlrecht. Systematisch ist sie eine Gestalt des objektiven Geistes, eine bestimmte Weise, in der Freiheit sich Institutionen gibt. Alle drei Aussagen sind wahr, und keine ersetzt die anderen.

Der Kreis ist offen. Am Ende des absoluten Geistes, in der Philosophiegeschichte, kommt man bei der Logik wieder an — aber nicht beim leeren Anfang. Sie ist angereichert durch den Durchgang, korrigierbar an dem, was sich als widersprüchlich erwiesen hat, und offen für das, was noch kommt.

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Was heißt: „Das Wahre ist das Ganze"?

Daß eine einzelne Bestimmung immer zu wenig sagt.

Der Satz steht in der Vorrede zur Phänomenologie und wird meist als Bekenntnis zur Totalität gelesen — als ob Hegel behaupte, man müsse alles wissen, um etwas zu wissen. Gemeint ist etwas Bescheideneres und Schärferes: jede Bestimmung zeigt beim Durchdenken, daß sie allein nicht trägt, und verweist auf andere.

„Die Rose ist rot" ist wahr und doch zu wenig, sobald man fragt, was Rotsein ist, oder was eine Rose. Das Ganze ist nicht die Summe aller Sätze, sondern der Zusammenhang, in dem jeder seinen Ort und seine Grenze hat.

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Ist das System abgeschlossen?

Hegel hält es für abgeschlossen, wir nicht.

Er hat das ausdrücklich behauptet: die Philosophie sei bei sich angekommen, weil sie begriffen habe, daß sie es ist, die begreift. Das ist keine Eitelkeit, sondern folgt aus seinem Ansatz — wenn das Denken sich selbst zum Gegenstand wird, bleibt nichts außerhalb.

Der Einwand liegt auf der Hand und ist oft erhoben worden: was Hegel nicht kannte, konnte er nicht einordnen. Die Evolution, die Psychoanalyse, die mathematische Logik, die Quantenphysik. Wer das System für abgeschlossen hält, muß erklären, warum es diese Dinge nicht braucht.

Wir halten es für einen Rahmen, nicht für ein fertiges Gebäude — und die Stellen, an denen wir ihn erweitert haben, sind in eckigen Klammern kenntlich gemacht.

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Warum die Dreiecke?

Weil Hegels Gliederung durchweg dreiteilig ist und ein Text das schlecht zeigt.

In einem Buch steht ein Kapitel nach dem anderen; daß drei zusammengehören und ein viertes sie umfaßt, muß man sich merken. Im Dreieck sieht man es: jeder Begriff steht mit seinen beiden Nachbarn, und die Mitte führt zu dem, was sie zusammenfaßt.

Die Darstellung stammt von Martin Grimsmann und Lutz Hansen. Ihre Grenze ist dieselbe wie die der Dreiteilung selbst: wo Hegel anders teilt — die Urteilsformen sind vierfach —, muß man es hineinzwingen oder danebenschreiben.

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Gehört die Phänomenologie zum System?

Das ist umstritten, und Hegel selbst hat seine Meinung geändert.

1807 nennt er sie den „ersten Teil des Systems der Wissenschaft" — sie soll das gewöhnliche Bewußtsein zu dem Standpunkt führen, von dem aus die Logik beginnen kann. In der Enzyklopädie von 1817 kommt sie als Teil der Geistesphilosophie vor, in stark verkürzter Form, und der Anspruch, Einleitung ins Ganze zu sein, ist fallengelassen.

Für die Lektüre heißt das: die Phänomenologie steht für sich. Man kann sie lesen, ohne die Logik zu kennen, und viele lesen nur sie.

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Kann man Teile des Systems nehmen und den Rest lassen?

Das tun fast alle, und es ist die Frage, ob es geht.

Die Rechtsphilosophie wird gelesen, ohne die Logik zu kennen; die Ästhetik ohne die Naturphilosophie; die Herr-Knecht-Passage ohne alles andere. Praktisch funktioniert das — die Texte sind lesenswert für sich.

Hegels eigene Antwort wäre: dann versteht man die Begründungen nicht, sondern nur die Ergebnisse. Warum die Sittlichkeit auf die Moralität folgt und nicht umgekehrt, läßt sich ohne die Logik nicht zeigen, sondern nur behaupten.

Wer beides will, findet in unserem Kommentar zur Rechtsphilosophie den Versuch, die logische Ordnung sichtbar zu machen, ohne die Logik vorauszusetzen.


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