Vorbemerkung
Dieses Buch behandelt ein Verhältnis, über das seit hundertfünfzig Jahren gestritten wird, und es stellt dabei eine Frage, die in diesem Streit selten vorkommt. Sie lautet nicht, wer recht hatte. Sie lautet: Was leisten Hegel und Marx jeweils, und wie sind sie zusammen zu gebrauchen, wenn man sich mit ihrer Hilfe die Welt erklären will?
Die Frage ist praktisch gemeint. Wer heute versucht, moderne Verhältnisse zu begreifen — wie Institutionen arbeiten, wie sich Zwecke gegen ihre eigenen Mittel kehren, wie eine Ordnung sich reproduziert, die niemand so gewollt hat —, greift früher oder später zu Werkzeugen, die von einem der beiden stammen. Meist nimmt er sie aus zweiter Hand und ohne zu wissen, woher sie kommen und wo ihre Grenzen liegen. Dieses Buch will beides zeigen.
Daraus ergibt sich, was es nicht ist. Es ist keine Biographie und keine Werkgeschichte. Es ist keine Parteinahme in einem Schulstreit; wer eine Entscheidung für Hegel gegen Marx oder für Marx gegen Hegel sucht, wird sie hier nicht finden. Und es ist kein Überblick über die Marx-Interpretationen — davon gibt es genug, und sie beantworten eine andere Frage.
Es setzt nichts voraus außer Aufmerksamkeit. Begriffe werden entwickelt, wo sie gebraucht werden. Wer die Logik-Darstellung [[hegels-logik]] oder [[kapitalismus-einfuehrung]] kennt, findet Anschlüsse; wer sie nicht kennt, verliert nichts.
Der Gang ist der folgende. Der erste Teil klärt die Frage und zeigt, woher Marx’ Verfahren kommt. Der zweite behandelt die Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie von 1843, den Text, in dem Marx Hegel am genauesten liest und am direktesten angreift. Der dritte nimmt die Selbstverständigung von 1845 und 1846 — die Thesen über Feuerbach und die Deutsche Ideologie. Der vierte fragt, was aus dem Verfahren wird, wenn Marx es im Kapital durchführt. Der fünfte zieht daraus den Werkzeugkasten: was jeder von beiden liefert, warum keiner allein genügt, und was nicht trägt.