Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 21

2. Was Marx liefert

Von Marx bekommt man zweierlei: eine Beschreibung, die trifft, und den Nachweis, dass die Methode als Forschungsverfahren arbeitet.

Die Beschreibung steht in der Formel, die eine ganze Wirtschaftsform in vier Zeichen fasst. Geld wird in Ware verwandelt, um mehr Geld zu werden. Das Apostroph am Ende ist der Punkt: Am Schluss steht nicht dieselbe Summe wie am Anfang, und der Überschuss ist nicht Nebenergebnis, sondern der Zweck der ganzen Operation. Was diese Formel erfasst, ist die Verkehrung, die diese Wirtschaftsform von allen früheren unterscheidet. Wo Menschen produzieren, um Bedürfnisse zu befriedigen, liegt das Ziel bei den Gütern; wo sie verkaufen, um anderes zu kaufen, ebenfalls. Erst wo die Ware Mittel für die Vermehrung des Geldes wird, ist das Ziel aus der Welt der Güter herausgetreten — und damit gleichgültig gegen das, was dabei hergestellt wird.

Der zweite Ertrag ist sprachlich und wiegt schwerer, als es zunächst scheint. Wo Hegel von der Selbstbewegung des Begriffs spricht, spricht Marx von der inneren Widersprüchlichkeit der Ware. Wo Hegel das Absolute entfaltet, analysiert Marx das gesellschaftliche Gesamtkapital. Wo Hegel die List der Vernunft diagnostiziert, zeigt Marx, dass unabgestimmte Einzelentscheidungen ein Ergebnis hervorbringen, das keiner gewollt hat. Damit ist eine Sprache gewonnen, in der sich die Bestimmungen an alltäglichen Gegenständen zeigen lassen. An der Ware, am Geld, am Arbeitsvertrag lässt sich vorführen, was Widerspruch, Vermittlung und Verkehrung heißen, ohne ein Register, das erst zu erlernen wäre.

Das ist nicht die erste Anwendung auf einen Gegenstand. Hegel hat die Realphilosophie über Natur und Anthropologie, Recht und Staat, Kunst, Religion, Weltgeschichte und die Geschichte der Philosophie geführt, und die Rechtsphilosophie entwickelt, wie Teil II gezeigt hat, sachliche Bestimmungen im logischen Zusammenhang. Was Marx hinzufügt, ist zweierlei. Zum einen ein Gegenstand, den Hegel nur im Umriss behandelt hatte: die moderne Ökonomie, bei ihm das System der Bedürfnisse in der bürgerlichen Gesellschaft, bei Marx der Gegenstand eines ganzen Werks. Zum anderen eine Ausführung, die bis in Fabrikberichte, Statistiken und Gesetzestexte hinabgeht und dort prüfbar wird, wo Hegels Darstellung allgemein bleibt.

Die Entmystifizierung hat allerdings eine Kehrseite, die zum Ertrag gehört. Indem Marx Hegel als denjenigen darstellt, der die Welt aus Gedanken ableitet, erzeugt er ein Zerrbild — und zwar eines, das nicht nur die methodische Verwandtschaft verdeckt, sondern auch die halbe Realphilosophie unsichtbar macht, aus der er selbst schöpft. Die Übersetzung gewinnt an Anschaulichkeit und verliert den Grund, aus dem sie möglich war.