Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 22
3. Warum keiner allein genügt
Hegel ohne Marx bleibt an der modernen Ökonomie zu dünn. Das heißt nicht, dass er über die Wirklichkeit nichts sagte. Er sagt sehr viel über sie, und vieles davon ist widerlegbar und ist widerlegt worden: Die Naturphilosophie arbeitet mit dem Wissensstand ihrer Zeit; die Darstellung der einzelnen Religionen, die Bemerkungen über Afrika und manches andere sind später korrigiert worden. Meist zeigt sich dabei, dass die begriffliche Absicht kenntlich bleibt und die Tatsachenbasis nicht trug, über die er verfügte. Wer ihn gebraucht, muss also prüfen — und er kann prüfen, weil Hegel sich der Prüfung aussetzt.
Bei der bürgerlichen Gesellschaft liegt der Fall besonders. Naiv ist Hegel dort nicht: Er sieht den Pöbel, und er sieht, dass diese Gesellschaft aus sich hervorbringt, was sie aus sich nicht löst. Neben dem Kapital wirkt seine Darstellung dennoch dünn, und das ist kein Vorwurf — für Marx war es der Gegenstand von zwanzig Jahren, für Hegel ein Thema unter vielen. Was ohne Marx fehlt, ist also nicht der Gegenstand, sondern die Ausführung an ihm, und mit ihr die Probe, an der sich zeigt, ob die begriffliche Ordnung an diesem Gegenstand trägt.
Dazu kommt die Gefahr, die Hegels eigene Diktion nahelegt: die bestimmte Aufgabe für die vollzogene Leistung zu nehmen. Sie ist nicht dadurch gebannt, dass man sie kennt.
Marx ohne Hegel verliert den Grund seiner eigenen Verfahren. Das lässt sich an der Tradition ablesen. Wo die Distanzierung zum Bekenntnis wurde, wurde aus der Methode ein Schema — drei Grundgesetze, die man auswendig lernen kann, eine Widerspiegelungstheorie, die hinter die Frage zurückfällt, wie Erkenntnis überhaupt zustande kommt, ein Praxiskriterium, das Wahrheit auf Wirksamkeit verkürzt. In jedem dieser Fälle wurde etwas preisgegeben, was Marx im Vollzug hatte und nicht ausgewiesen hat.
Der Grund für beides ist derselbe. Eine Methode, die nicht als Methode gewusst wird, kann nicht weitergegeben werden; sie kann nur nachgeahmt werden, und die Nachahmung greift die Ergebnisse ab, nicht das Verfahren. Deshalb ist die Klärung des Verhältnisses keine gelehrte Nebenfrage, sondern die Bedingung dafür, dass man mit beiden arbeiten kann.