Werkstattbericht: die Geschichte nach Hegels Tod

Ein Versuch. Hegels Weltgeschichte endet mit der Periode des Liberalismus — also mit seiner eigenen Gegenwart. Was danach kam, hat er nicht mehr gesehen. Was hier steht, ist deshalb unsere Ordnung, nicht seine, und die eckigen Klammern halten das fest.

Die Aufgabe ist heikler als bei der Naturphilosophie. Dort ergänzen wir, was Hegel nicht wissen konnte, und sein Begriff trägt weiter: der Organismus als sich selbst erhaltende Einheit bleibt derselbe, ob man ihn aus Organen oder aus Zellen aufgebaut denkt. Hier dagegen fragt sich, ob seine Denkform überhaupt auf zweihundert Jahre paßt, die er für unmöglich gehalten hätte. Der Weltkrieg, der Faschismus, die Vernichtung — Hegel hat Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit beschrieben, nicht dessen Zusammenbruch.

Wie wir gegliedert haben

Drei Epochen, jede mit drei Momenten. Die Zeitschnitte sind dieselben, die jede Darstellung setzt — 1914 und 1989 —, aber die Namen sollen etwas sagen, nicht nur einteilen.

Die nationale Ordnung (1831–1914). Der Staat wird zur Nation, die Nation zum Anspruch, der Anspruch greift nach der Welt. Das ist eine Bewegung, keine Aufzählung: 1848 fordert die Nation ihr Recht, die Industrie stellt die soziale Frage, und der Imperialismus trägt beides nach außen.

Der Weltbürgerkrieg (1914–1989). Der Ausdruck stammt nicht von uns, aber er trifft: was 1914 zusammenbricht, ist die Ordnung selbst, und was folgt, sind drei Antworten, die einander die Berechtigung bestreiten — Liberalismus, Kommunismus, Faschismus. 1945 fällt die eine Entscheidung, 1989 die andere.

Die eine Welt (seit 1989). Was zusammenwächst, was daran zerbricht, und was aussteht. Der dritte Moment ist absichtlich leer gelassen. Michelet hat sich erkühnt, die Zukunft zu beschreiben; sie ist anders gekommen. Wir nennen die Stelle, ohne sie zu füllen.

Was daran fragwürdig ist

Die drei Antworten sind nicht gleichrangig. Sie stehen nebeneinander, weil sie auf dasselbe antworten — nicht, weil sie gleich viel wert wären. Der Faschismus ist keine Position neben anderen, sondern deren Verneinung. Daß er hier einen Ort bekommt, heißt: er gehört in die Geschichte des Denkens, weil er gedacht wurde. Nicht mehr.

Die Gegenwart ist zu nah. Drei Momente für dreißig Jahre sind wenig, gemessen an dem, was geschehen ist. Aber wer näher gliedert, gliedert nach dem, was gerade laut ist. Die Reformation hat vier Knoten; wir nehmen uns nicht mehr heraus als für sie.

Geschichte und Philosophie stimmen nicht überein. Das ist keine Schwäche der Darstellung, sondern eine Einsicht Hegels: die Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken gefaßt, aber sie folgt ihr nicht Schritt für Schritt. Die Querverweise zwischen beiden Reihen sagen deshalb jeweils, welcher Art die Verbindung ist — derselbe Gegenstand, Vorwegnahme, Widerstreit.

Die Verbindungen zur Philosophie

Sechs Stellen tragen einen Querverweis. Zwei Beispiele, an denen sich die Arten unterscheiden lassen:

Die soziale Frage und der ökonomische Verdacht sind derselbe Gegenstand — Marx schreibt über genau die Fabriken, die hier stehen. Der Imperialismus und das Gesetz dagegen sind eine Vorwegnahme: der Sozialdarwinismus liefert die Rechtfertigung, bevor die Politik sie braucht. Hier geht die Philosophie voran, dort folgt sie.

Nach 1945 kehrt sich das um. Daß die Philosophie beim Erscheinen anfängt und nicht beim System, ist eine Antwort auf eine Erfahrung, kein Ergebnis eines Arguments.