Die List der Vernunft

Der Zweck setzt sich nicht direkt durch, sondern benutzt die Objekte gegeneinander: „Die Vernunft ist so listig als mächtig" (Hegel). Sie stellt mechanische und chemische Prozesse in ihren Dienst, ohne sich selbst abzunutzen. Vollziehen Sie das: Der Bauer will Getreide. Er pflügt nicht mit bloßen Händen, sondern spannt den Ochsen vor den Pflug. Der Ochse folgt seinen eigenen Kräften (Muskelkraft, Hunger nach dem Futter am Ende der Furche) — der Bauer nutzt diese Kräfte für seinen Zweck, ohne sich selbst zu verausgaben. Das ist die List: Die Mittel arbeiten nach ihren eigenen Gesetzen, aber das Ergebnis dient dem Zweck.

Die Figur hat eine unbequeme Kehrseite, sobald das Mittel ein Mensch ist. Wer die Kräfte anderer für seine Zwecke in Dienst nimmt, ohne sie zu zwingen — weil ihre eigenen Interessen sie ohnehin in diese Richtung bewegen —, praktiziert dieselbe List. Ob das Kooperation ist oder Ausbeutung, entscheidet nicht die Struktur, sondern ob die anderen den Zweck mitbestimmen. [[kapitalismus-einfuehrung]] (optional) entwickelt das an der Lohnarbeit. Der Pflug nutzt sich ab, der Ochse ermüdet — aber der Plan des Bauern bleibt unberührt und kann morgen wiederholt werden. Die Schwerkraft des Wassers treibt die Mühle, die Ausdehnung des Dampfes treibt die Maschine — in beiden Fällen benutzt der Zweck Naturkräfte, die von sich aus gar nichts „wollen", und koordiniert sie so, dass sein Resultat herauskommt. Im Gesellschaftlichen: Adam Smiths „unsichtbare Hand" ist eine (unvollständige) Version der List der Vernunft — die Eigeninteressen der Marktteilnehmer werden durch den Markt so koordiniert, dass (idealerweise) ein Ergebnis entsteht, das keiner der Einzelnen beabsichtigt hat.

Die dialektische Kehrseite der List: Die Eigengesetzlichkeit des Mittels, die der Zweck ausnutzt, kann sich gegen den Zweck wenden. Die Technologie, die der Mensch entwickelt, um die Natur zu beherrschen, beginnt ihrerseits den Menschen zu beherrschen. Und Marx zeigt die schärfste Form: Das Geld, das im einfachen Tausch (W-G-W) als neutrales Mittel zwischen Gebrauchswerten dient, wird in der kapitalistischen Form (G-W-G’) zum Selbstzweck — das Geld, das als Mittel für menschliche Bedürfnisbefriedigung eingesetzt werden sollte, wird zum Maßstab, dem sich alles unterordnen muss. Gerade weil das Geld von den konkreten Gebrauchswerten abstrahiert, kann es sich verselbständigen und die Zwecke, denen es dienen sollte, unter sich begraben. Das ist keine Fehlanwendung der List der Vernunft, sondern ihre immanente Dialektik: Die Eigengesetzlichkeit des Mittels, die es nützlich macht, ist zugleich das, was es gefährlich macht. Die Logik liefert hier das Instrumentarium für die Kritik — die Teleologie zeigt, warum diese Verkehrung strukturell möglich ist, nicht erst durch bösen Willen.