Arabische Welt: Späte aber ernsthafte Rezeption

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die direkte Hegel-Rezeption in der arabischen Welt beginnt erst in den 1960er-70er Jahren, historisch mit Marxismus assoziiert, besonders in Syrien. Die Schwerpunktländer: Syrien, Libanon, Ägypten.

Hassan Hanafi (1935-2021), Professor und Lehrstuhlinhaber für Philosophie an der Kairoer Universität, gehörte zu den “großen Namen” der arabischen Intellektuellentradition nach 1967. Er studierte Hegel an der Sorbonne in Paris und wurde von den deutschen Idealisten angezogen: Kant, Fichte, Schelling, Hegel. Sein Projekt: Die Geschichte des europäischen Bewusstseins aus islamischer Perspektive neu schreiben UND die Geschichte des islamischen Bewusstseins aus transzendental-idealistischer Perspektive. Seine Verbindungen: al-Ghazali/Descartes, al-Farabi/Kant, Ibn Sina/Hegel. Als führender Gelehrter der “islamischen Linken” (Konzept erschien 1981) entwickelte er eine “Dritter-Weg”-Lektüre von Tradition und Moderne und interpretierte islamische Philosophie dem Westen und westliche Philosophie der arabischen Welt.

Lorella Ventura, zeitgenössische Forscherin (Sapienza University Rom), dokumentiert in “Hegel in the Arab World: Modernity, Colonialism, and Freedom” (2018) die Rezeption auf Basis von Feldforschung in Syrien/Libanon 2009-2010. Hegelianisches Denken dient als konzeptuelles Raster zur Interpretation der letzten zwei Jahrhunderte der arabischen Region.

Die kritische Dimension: Hegelianische muslimische Philosophen demonstrieren, dass Hegel seine eigenen systematischen Verpflichtungen in seiner Darstellung des Islam verletzt – eine immanente Kritik seiner Geschichtsphilosophie.