Die Goldene Regel als universaler Kern
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Im Zentrum von Küngs Projekt steht eine Entdeckung: Die Goldene Regel findet sich in allen Kulturen, unabhängig voneinander formuliert.
Konfuzius formulierte sie im 6. Jahrhundert vor Christus: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Rabbi Hillel lehrte im 1. Jahrhundert vor Christus: „Was dir verhasst ist, tue deinem Nächsten nicht an. Das ist die ganze Tora, alles andere ist Erläuterung.“ Jesus formulierte sie positiv: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut auch ihr ihnen.“ Muhammad lehrte: „Keiner von euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht.“ Mahavira, der Gründer des Jainismus, sagte: „Ein Mensch sollte anderen gegenüber so auftreten, wie er selbst behandelt werden möchte.“ Buddha lehrte: „Wie ich bin, so sind die anderen; wie die anderen sind, so bin ich.“
Diese Konvergenz ist bemerkenswert. Sie lässt sich nicht durch kulturelle Übernahme erklären - Konfuzius und Hillel hatten keinen Kontakt, Buddha und Jesus kannten sich nicht. Die Goldene Regel wurde unabhängig voneinander entdeckt, zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten, in verschiedenen Sprachen.
Was bedeutet diese Konvergenz? Küng argumentiert: Sie zeigt, dass es universale Strukturen gibt, die jeder denkende Mensch entdecken kann. Die Goldene Regel ist nicht Ausdruck einer bestimmten Kultur - sie ist Ausdruck der menschlichen Vernunft als solcher.
Die performative Herleitung dieser Regel ist möglich, ohne auf Religion zurückzugreifen: Wer argumentiert, erwartet, dass seine Argumente angehört und geprüft werden. Er fordert also Anerkennung für sich. Aber diese Forderung kann nicht nur für sich selbst gelten - das wäre ein Widerspruch. Wer Anerkennung für sich fordert, muss sie auch anderen zugestehen. Die Goldene Regel ist die ethische Explikation dieser Struktur: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden willst.
Küngs Leistung ist der empirisch-historische Nachweis, dass alle Traditionen diese Struktur entdeckt haben. Das ist nicht trivial. Es könnte ja sein, dass verschiedene Kulturen völlig verschiedene ethische Grundsätze entwickelt hätten - inkommensurabel, unvergleichbar, ohne gemeinsamen Boden. Dass sie stattdessen dieselbe Grundstruktur gefunden haben, ist ein starkes Argument für die Universalität dieser Struktur.