Kritik und Grenzen

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Küngs Projekt ist nicht ohne Kritik geblieben. Drei Einwände verdienen besondere Beachtung.

Der erste Einwand lautet: Küng nivelliert die Differenzen. Er konstruiert ein harmonisches Bild, das die realen Unterschiede zwischen den Religionen unterschlägt. Ein Buddhist, der das Selbst leugnet, und ein Christ, der an die unsterbliche Seele glaubt, haben fundamental verschiedene Anthropologien. Wie können sie sich auf ein „Weltethos“ einigen, wenn sie nicht einmal über denselben Menschen sprechen?

Küngs Replik ist überzeugend: Differenzen existieren auch innerhalb jeder Tradition. Es gibt progressive und fundamentalistische Christen, liberale und orthodoxe Juden, reformorientierte und traditionalistische Muslime. Die Unterschiede zwischen einem liberalen Muslim und einem liberalen Christen sind oft geringer als die zwischen einem liberalen und einem fundamentalistischen Muslim. Das Weltethos ist keine Beschreibung dessen, was alle Religionen faktisch glauben - es ist eine regulative Idee dessen, worauf sie sich einigen können, wenn sie ihre besten Einsichten teilen.

Der zweite Einwand lautet: Das Weltethos ist westlicher Universalismus in neuem Gewand. Die „universalen“ Werte, die Küng findet, sind in Wahrheit westlich-aufklärerisch - nur jetzt projiziert auf andere Kulturen, die sie angeblich auch vertreten.

Dieser Einwand verkennt Küngs Methode. Er geht gerade nicht von westlichen Kategorien aus und prüft dann, ob andere Kulturen sie auch haben. Er studiert jede Tradition von innen und findet erst dann die Konvergenzen. Die Goldene Regel wurde von Konfuzius formuliert, bevor die europäische Aufklärung überhaupt begann. Wenn dieselbe Struktur unabhängig voneinander entdeckt wird, ist sie nicht eurozentrisch, sondern anthropologisch universal. Das ist Anerkennung der Gleichursprünglichkeit, nicht Projektion.

Der dritte Einwand lautet: Das Weltethos ist zu abstrakt, um praktisch wirksam zu sein. Die vier Forderungen sind so allgemein, dass sie nichts entscheiden. Alle sind für „Gewaltlosigkeit“ - aber was heißt das konkret im Israel-Palästina-Konflikt? Alle sind für „gerechte Wirtschaftsordnung“ - aber ist Kapitalismus oder Sozialismus gerechter?

Dieser Einwand trifft einen wunden Punkt. Küng gibt orientierende Prinzipien, aber keine fertigen Antworten. Die konkreten Anwendungen müssen dialogisch erarbeitet werden. Das ist nicht Schwäche, sondern Konsequenz: Ethik ist entwickelbar, nicht dogmatisch-geschlossen. Aber es stimmt, dass die Vermittlung zwischen allgemeinen Prinzipien und konkreten Situationen bei Küng unterentwickelt bleibt.