Küng und Hegel: Die implizite Verwandtschaft
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Küng zitiert Hegel selten, aber sein Projekt ist strukturell hegelianisch. Drei Parallelen verdienen Beachtung.
Erstens zeigt Hegels Religionsphilosophie, dass alle Religionen Gestalten des absoluten Geistes sind. Sie ahnen dieselbe Wahrheit, drücken sie aber verschieden aus - in Bildern, Symbolen, Ritualen, die ihrer kulturellen Situation entsprechen. Die Philosophie expliziert, was die Religion bildhaft darstellt. Küngs Weltethos-Projekt hat dieselbe Struktur: Alle Religionen praktizieren dieselben Grundprinzipien, drücken sie aber verschieden aus. Die komparative Analyse zeigt, was allen gemeinsam ist.
Zweitens ist Hegels Dialektik eine Methode, die Einheit in der Differenz findet. Das Allgemeine realisiert sich im Besonderen, nicht gegen es. Abstrakte Universalität ist leer; konkrete Universalität ist die Einheit, die die Unterschiede in sich aufhebt. Küng praktiziert genau dies: Die universalen ethischen Strukturen realisieren sich in den besonderen kulturellen Formen, nicht jenseits von ihnen.
Drittens ist Anerkennung bei Hegel die Grundstruktur aller Intersubjektivität. Selbstbewusstsein entsteht nur durch Anerkennung des Anderen. Küngs Methode setzt Anerkennung voraus: Jede Tradition wird als gleichursprünglich anerkannt, bevor nach Gemeinsamem gesucht wird. Nicht: „Wir haben recht, ihr müsst euch anpassen.“ Sondern: „Wir alle haben Einsichten, lasst uns die besten teilen.“
Die Differenz zu Hegel ist allerdings auch bedeutsam. Hegel hierarchisiert die Religionen: Das Christentum ist die „vollendete Religion“, die anderen sind Vorstufen. Küng hierarchisiert nicht: Alle Religionen sind gleichberechtigte Wege zur Wahrheit. Aber die Struktur - Universalität durch Partikularität - ist dieselbe. Küng ist praktizierender Hegelianer, auch wenn er Hegel nicht explizit macht.